Weihnachten – Zeit zum Lieben und Verzeihen

Seit einigen Monaten stehe ich wieder mit einer Jugendfreundin in Kontakt, die ich seit über 30 Jahren nicht mehr gesehen habe. Naja fast. Kürzlich sind wir uns, es war ein Riesenzufall, im Breuningerland direkt in die Arme gelaufen. Nach so langer Zeit haben wir uns sofort erkannt, obwohl keine von uns beiden je damit gerechnet hätte, dass wir uns ausgerechnet in diesem Einkaufscenter treffen würden.

Sie war meine beste Freundin zu Teenagerzeiten. Wir wohnten nur ein paar Häuser voreinander entfernt, haben uns nahezu täglich gesehen und fast alles gemeinsam unternommen. Als sie Anfang zwanzig ihren zukünftigen Mann kennenlernte und ich meinen Partner, verloren wir uns aus den Augen. Zwei Jahre später bin ich nach Heidelberg gezogen, und auch sie hat unsere Heimatstadt kurz danach verlassen. Das ist jetzt unglaubliche drei Jahrzehnte her.

Wir planen in naher Zukunft ein Treffen, um über alte und neue Zeiten zu plaudern, und -wer weiß- vielleicht unsere Freundschaft wieder neu aufleben zu lassen. Da ich momentan gar keine Zeit habe (weshalb erfährst du weiter unten im Text) schreiben wir uns bis dahin wenigstens ab und zu via Messenger. Neulich fragte ich sie, wie es denn ihren Eltern gehen würde. Ich war total betreten, als sie mir zurück schrieb, dass sie seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern hätte. Warum, dass wollte sie mir lieber persönlich erzählen. Ich war total geschockt, denn ich kannte natürlich auch ihre Eltern sehr gut. Ich habe sie als nette, freundliche und fürsorgliche Eltern in Erinnerung, die ihrer Tochter nahezu jeden Wunsch erfüllten.

Was muss passieren, damit Eltern und Kindern den Kontakt zueinander abbrechen? Natürlich gibt es Ereignisse, die so schwerwiegend sind, dass ein Zerwürfnis unvermeidbar und keine Annäherung mehr möglich ist. Manchmal kommt aber auch nur ein falsches Wort zum anderen, und bauscht sich zum Streit auf. Auch Missverständnisse oder alte Kränkungen, die unverhofft und zur falschen Zeit zur Sprache kommen, können zu Disharmonien und letztendlich zum Bruch führen.

Ist die Kluft erst einmal groß, erscheint sie unüberwindbar. Beide Seiten wähnen sich im Recht, sind verbittert, gekränkt und beleidigt. Keiner möchte den ersten Schritt tun, denn schließlich kommt das einem Schuldeingeständnis gleich. Aber ist das wirklich so? Für eine Versöhnung ist es meiner Meinung nach nicht wichtig, wer „schuld“ ist. Die Lösung liegt im Verzeihen. Wenn man bereit ist, zu verzeihen, dann ist es egal, wer was wann gesagt oder getan hat.

Besonders an Weihnachten überschatten Familienkonflikte und Zerwürfnisse die Freude am Fest. Es bietet sich an, die Weihnachtszeit, in welcher wir sentimental und friedvoll gestimmt sind, zu nutzen, um sich mit Familienmitgliedern oder Freunden, mit denen man sich zerstritten hat, zu versöhnen. Nicht ohne Grund wird Weihnachten das Fest der Liebe genannt. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Meine Familie und ich machen gerade eine schwere Zeit durch. Meine Mutter ist sehr krank, und die Zeit des Abschieds naht. Für mich und meinen Bruder bedeutet das Fürsorge und Pflege rund um die Uhr. Deshalb fällt in unserer Familie das Weihnachtsfest dieses Jahr leider aus. Kein aufwändiges Weihnachtsessen, keine Geschenke. Da ziehen wir alle an einem Strang. Nur die Kinder werden im kleinen Rahmen beschenkt. Das gemeinsame Erleben der letzten Tage ist wichtiger als alles drum herum.

Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Natürlich gab es ab und zu Streit oder Meinungsverschiedenheiten. Aber letztendlich wussten wir, dass wir uns immer aufeinander verlassen können. Ich habe meinen Eltern sehr viel zu verdanken. Sie haben mir den Rücken freigehalten, so dass ich trotz Kind meine Firma weiter aufbauen und mir öfters kleine Auszeiten vom stressigen Single Mom-Dasein nehmen konnte. Sie waren immer für meine Tochter und mich da, wenn wir Hilfe und Unterstützung brauchten. Oder einfach nur, um gemeinsam eine schöne Zeit miteinander zu verbringen.

Deshalb betrübt es mich immer sehr, wenn ich höre, dass dies in manchen anderen Familien nicht so ist. Ich glaube fest daran, dass es fast immer einen Weg zur Versöhnung gibt. Wenn du betroffen bist, dann fasse dir ein Herz und mache den ersten Schritt. Eines Tages wird es dafür nämlich zu spät sein. Und manchmal kommt dieses „zu spät“ viel zu schnell und überraschend.

Von ganzem Herzen wünsche ich Dir friedvolle, besinnliche Weihnachtsfeiertage im Kreis deiner Liebsten.

Ich verabschiede ich mich bis Mitte Januar in eine kleine Blogpause. Wir sehen uns dann, hoffentlich, im neuen Jahr wieder.

Alles Liebe und Gute

Birgit

Beitragsfoto: Erwin Lorenzen_pixelio.de

16 comments

  1. Liebe Birgit,
    ich wünsche Dir viel Kraft in dieser schweren Zeit.
    Ich weiss wovon Du sprichst, zu meiner Mutter habe ich ein sehr schweres Verhältnis. Verzeihen ist sehr wichtig, egal wer den ersten Schritt tut.
    Ich hoffe, die Blog Pause tut Dir gut.
    Sei gedrückt und herzliche Grüsse
    Steffi

  2. Ein sehr schöner zu Herzen gehender Beitrag.

    Manchmal ist die Kluft nicht nur zu groß, sondern der/die andere zeigt keinerlei Gefühle, keine Äußerungen, dass es alles traurig ist, was schief gelaufen ist. Er/sie hat mich sehr verletzt und steht dann vor mir und sagt, wir begraben das ganze, fertig. So geht das leider nicht. Wie soll ich da verzeihen? Es war damals Rufschädigung, ganz schlimm.

    Ich bin froh, dass ich noch ganz intensiven Kontakt zu meinen Eltern habe. Wir sehen uns ungefähr einmal die Woche und das pflegen wir auch,da gibt es kein „Keine Lust.“. Wer weiß, wie schnell das Leben vorbei ist.

    Ich wünsche Dir eine besinnliche Zeit mit Deiner Mutti, dass ihr noch einige schöne Tage erleben könnt.

    Alles Gute,
    Moppi

  3. Gibt es wirklich immer einen Weg zur Versöhnung? Ich kenne durchaus Fälle, in denen es den nicht gibt – vielleicht weil es Verletzungen gibt, die man einfach nicht verzeihen kann, ohne noch morgens in den Spiegel zu gucken. Und die man vielleicht auch nicht verzeihen will. Das muss jeder für sich entscheiden. Manchmal helfen kluge Worte da gar nicht, weil Klugheit und Emotionen sich gegenseitig ausschalten.
    Dass ihr Kummer in der Familie habt und deswegen das Weihnachtsfest ausfällt, tut mir sehr leid. Bei uns ist die Situation ganz ähnlich – da ist es mein Vater. Trotzdem wird gefeiert. Im vergangenen Jahr war es ähnlich und rückblickend war mein Schwiegervater froh, noch ein letztes Weihnachtsfest mit allem Schnick und Schnack mit der ganzen Familie zu erleben, auch wenn er es eigentlich nicht wollte.
    Liebe Grüße
    Fran

  4. Liebe Fran,
    es gibt durchaus Fälle, wo eine Versöhnung oder das Verzeihen unmöglich ist. Z.B. wenn jemand meinem Kind etwas antun würde. Ich spreche in meinem Blogbeitrag über Zerwürfnisse im Freundes- und Familienkreis. Da geht es selten um ganz krasse Dinge (wobei es das natürlich auch gibt). Aber ganz klar, der Wille zur Versöhnung muss schon vorhanden sein.
    Meine Mutter kann leider nicht mehr mit uns feiern, dazu ist der Zustand schon zu schlecht. Wir hatten gehofft, dass sie wenigstens noch über die Feiertage zuhause bleiben kann, aber das war medizinisch nicht mehr vertretbar.
    Ich wünsche dir und deiner Familie wunderschöne, beschauliche Feiertage. Ich hoffe, dass dein Vater Die Weihnachtstage auch noch genießen kann.
    Herzliche Grüße
    Birgit

  5. Liebe Moppi,
    es tut mir sehr leid, dass du so eine schlimmer Kränkung erleben musstest. Das klingt sehr traurig. Ich kann verstehen, dass es dir schwer fällt oder gar unmöglich erscheint, zu verzeihen. Für das Versöhnen sind immer zwei notwendig, und wenn der eine keine Gefühlsregung zeigt, dann ist eine Versöhnung auch nicht möglich. Das Verzeihen ist ein einseitiger Prozess, der auch ohne den anderen funktioniert. Und der dich von den schlechten Gefühlen befreit, also letztendlich dir und deinem Seelenfrieden gut tut.
    Ich war einmal in einer Situation, in welcher Verzeihen unmöglich erschien. Das war echt krass. Ich habe es aber geschafft, weil ich die Gründe, warum der anderer so gehandelt hatte, nachvollziehen und letztendlich dann auch verstehen konnte. Was nicht heißt, dass der Betreffende richtig gehandelt hatte. Denn hätte er Recht gehabt, dann hätte es ja auch nichts zum Verzeihen gegeben…
    Ich wünsche dir und deiner Familie wunderschöne, friedliche Weihnachtstage und grüße dich herzlich
    Birgit

  6. Liebe Birgit,
    das tut mir sehr leid. Ich wünsche Dir und Deiner Familie viel Kraft.

    Deine Freundin wird Dir sicherlich erzählen, warum sie keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern hat. Es ist für Außenstehende nicht immer nachvollziehbar. Sie wird ihre Gründe haben.

    Liebe Grüße Sabine

  7. Liebe Birgit, Verzeihen ist natürlich nicht immer leicht, aber ich glaube, dass wir es tun müssen, und zwar wegen uns selbst. Nicht zu vergeben heißt, mit sich selbst nicht ins Reine zu kommen. Ich habe und hatte ein sehr schwieriges Verhältnis zu meinen Eltern, und ich sehe auch heute noch kaum Interesse, aber verziehen hab ich alles. Das heißt aber nicht, dass Besuche jetzt problemlos ablaufen.
    Ich wünsche Dir in dieser Zeit viel Kraft und trotz allem frohe und stressfreie Weihnachten! LG Maren

  8. Hallo liebe Birgit, dein Post hat mich zu Tränen gerührt. Für die kommende Zeit mit deiner Mama wünsche ich dir viel Kraft und liebe!In Gedanken werde ich dir ganz nahe sein.

    Herzliche Grüße
    Claudia

  9. Vielen lieben Dank. Ja, ganz sicher gibt es einen Grund, denn so einfach bricht man nicht mit den Eltern bzw. den Kindern.
    Herzliche Grüße
    Birgit

    @an alle, die mir einen lieben, tröstenden Gruß hinterlassen haben.
    Meine Mutter ist frühmorgens am 24.12.2017 friedlich eingeschlafen.

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